Sie haben Silikon heute Morgen berührt. Mehrfach. In der Dichtung der Kaffeemaschine. Im Shampoo. Vielleicht in den Kontaktlinsen auf Ihren Augen, vielleicht im Schnuller Ihres Kindes.
Sie haben es nicht bemerkt. Niemand bemerkt es.
Silikon hält Flugzeuge in der Luft, Herzschrittmacher am Schlagen, Elektroautos davon ab, in Flammen aufzugehen. Es dichtet die Internationale Raumstation gegen das Vakuum des Weltraums ab. Es hat die moderne Herzchirurgie mitbegründet. Es ermöglicht die Energiewende – und kann selbst kaum recycelt werden.
Der globale Silikonmarkt wird auf 25 bis 33 Milliarden Dollar geschätzt.1 Das klingt nach viel. Zum Vergleich: Der Smartphone-Markt liegt bei 500 Milliarden. Ohne Silikone wären viele dieser Geräte weniger robust, viele medizinische Systeme komplexer, viele Energietechnologien teurer. Ein kleiner Markt, der riesige Systeme am Laufen hält.
Was wäre, wenn dieses Material morgen früh einfach verschwände?
I. 6:30 Uhr
Sie greifen nach dem Telefon. Der Bildschirm ist feucht. Die Silikondichtung, die das Gehäuse gegen Staub und Wasser versiegelt hat – weg. Feuchtigkeit über Nacht eingedrungen. Das Display flackert.
Im Bad tropft es. Die Fugen um Dusche und Waschbecken: verschwunden. Die Kaffeemaschine leckt. Das Shampoo fühlt sich rau an, klebrig. Dimethicon fehlt – das Silikon, dem Ihr Haar seine Geschmeidigkeit verdankt. Sie wussten es nur nicht.
Der Tag hat noch nicht begonnen, und schon zeigt sich das Muster: Silikon sitzt überall dort, wo zwei Materialien aufeinandertreffen und die Verbindung funktionieren muss. Im Stillen. Über Jahre. Ohne dass jemand darüber nachdenkt.
II. Der Weg zur Arbeit
Sie steigen ins Auto. Drehen den Schlüssel. Nichts.
In einem Verbrennungsmotor isolieren Silikonkappen die Zündkerzenstecker gegen 20'000 bis 40'000 Volt. Ohne sie springt der Funke nicht über – oder überall hin. Die Turboladerschläuche, die über 200 Grad standhalten müssen: Silikonkautschuk. Die Abgasaufhänger, Ventilschaftdichtungen, Kabeldurchführungen – alles Silikon.
Aber wirklich ernst wird es bei den Fahrzeugen, auf die Europa seine industrielle Zukunft wettet.
Ein modernes EV-Batteriepack arbeitet mit Spannungen bis 800 Volt. Zwischen den Lithium-Ionen-Zellen und der Kühlplatte sitzt ein wärmeleitfähiges Silikongel, das die Abwärme ableitet. Um das Gehäuse herum liegt eine automatisch aufgetragene Silikondichtung, die über 15 Jahre und Zehntausende Temperaturzyklen hermetisch abdichten muss.
Zwischen den einzelnen Modulen befinden sich Silikonbarrieren für den gefährlichsten denkbaren Moment: das thermische Durchgehen. Eine Zelle heizt sich auf über 800 Grad auf. Bestimmte Silikonkautschuk-Formulierungen tun dann etwas, das kein anderes gängiges Elastomer kann: Sie verbrennen nicht. Sie ceramifizieren – bilden eine keramische Schutzschicht, die den Feuerdurchschlag verzögert. SAE-Studien dokumentieren diesen Effekt für ceramifizierbare Silikon-Composite-Sheets.2
Statt den Brand zu beschleunigen, bremsen sie ihn. Deshalb steckt Silikon heute in praktisch jedem modernen EV-Batteriekonzept an den Stellen, an denen es wirklich zählt.
III. Wasserfälle, Krieg und klebrige Massen
Die Geschichte des Silikons hat nicht einen Ursprung. Sie hat drei. Und alle beginnen mit Menschen, die etwas anderes suchten.
Der Skeptiker. Frederic Stanley Kipping, britischer Chemiker, verbrachte drei Jahrzehnte mit Verbindungen aus Silizium und Kohlenstoff. Was er fand, waren Öle und klebrige Massen, die sich keiner bekannten Kategorie zuordnen liessen. 1937, in seiner letzten Veröffentlichung, schrieb er, die Aussichten seien «alles andere als ermutigend». Er starb, ohne zu erfahren, dass seine klebrigen Massen Kriege entscheiden, Herzen reparieren und Raumstationen abdichten würden.
Der Ingenieur. In Norwegen hatte Sam Eyde dreissig Jahre zuvor den Grundstein für etwas gelegt, das er selbst nie voraussah. In Berlin ausgebildet, hatte Eyde um die Jahrhundertwende Wasserrechte an norwegischen Fällen in Telemark erworben. 1904 gründete er mit der schwedischen Bankiersfamilie Wallenberg das Unternehmen Elkem – mit dem Ziel, Wasserkraft für die elektrochemische Industrie zu nutzen.17 Eydes Vision war Düngemittel. Nicht Silikone. Aber das Unternehmen, das er schuf, würde 120 Jahre später zu einem der grössten Silikonhersteller der Welt gehören.
Der Krieg. 1942 versagten die elektrischen Systeme alliierter Bomber in grossen Flughöhen. Feuchtigkeit an der Zündelektronik, Lichtbögen, Motorenausfall. Herkömmliche Schellack-Isolierungen: nutzlos bei Kälte und Nässe. Dr. Shailer Bass von Dow Corning entwickelte ein Silikonfett für Zündkerzen und Kabelbäume. Ein simples Produkt. Aber es ermöglichte Flüge auf Höhen und über Distanzen, die vorher nicht zuverlässig möglich waren.
Fast gleichzeitig, 1944, begannen Chemiker von Rhône-Poulenc in einem Labor in Saint-Fons bei Lyon ihre eigenen Silikonversuche – unabhängig von den Amerikanern, mit einem Verfahren auf Basis organischer Silikate.18 1948 startete die industrielle Fertigung unter dem Markennamen RHODORSIL. 1970 war Frankreich dank Saint-Fons viertgrösster Silikonproduzent der Welt.18
Drei Stränge, die sich über ein Jahrhundert verweben. Aus Rhône-Poulenc wurde Rhodia, aus Rhodia Bluestar Silicones, und seit 2017 heisst die Silikonsparte Elkem Silicones – wieder vereint mit dem norwegischen Stammhaus, das Sam Eyde 1904 an einem Wasserfall gegründet hatte. Das Werk in Saint-Fons produziert noch heute.
Und dann: Silly Putty. Ein GE-Ingenieur suchte 1943 synthetischen Kautschuk. Was er fand, hüpfte, kopierte Zeitungsdruck und zerbrach bei scharfem Schlag wie Glas. Als Kautschuk: unbrauchbar. Ein Spielzeughändler verpackte es in Plastikeier. 300 Millionen verkaufte Stück. Apollo-8-Astronauten nahmen es 1968 mit in die Mondumlaufbahn, um Werkzeuge in der Schwerelosigkeit zu fixieren.
Vom Kriegsgeheimnis zum Kinderspielzeug zum Weltraum. In 25 Jahren.
IV. Eine Kugel, kaum grösser als eine Murmel
Im September 1960 öffnete der Chirurg Albert Starr in einem Operationssaal der University of Oregon den Brustkorb eines 52-jährigen Mannes. Was er ihm einnähte, hatte es vorher nicht gegeben: eine künstliche Herzklappe.3
Die Idee stammte nicht von einem Mediziner, sondern von Lowell Edwards – einem pensionierten Hydraulikingenieur, der mit einer Skizze in Starrs Büro marschiert war. Ein Metallkäfig mit einer kleinen Kugel darin, die sich mit jedem Herzschlag öffnete und schloss. Der Käfig: Stellite, eine Kobalt-Chrom-Legierung. Die Kugel: Silastic, ein Silikonelastomer von Dow Corning.4
Vor dieser Erfindung konnten Chirurgen bestenfalls versuchen, eine verengte Herzklappe mit dem Finger aufzuweiten – blind, durch einen Schnitt im schlagenden Herzen.
Die Silikonkugel musste mit jedem Herzschlag öffnen und schliessen. 100'000-mal am Tag. 36 Millionen Mal im Jahr. Ohne zu ermüden. Ohne Blut zu schädigen. Ohne vom Körper abgestossen zu werden. Kein anderes damals verfügbares Material bot dieses Gesamtprofil. Metall korrodierte. Kunststoffe waren nicht biokompatibel. Naturkautschuk zersetzte sich.
Der erste Patient lebte zehn Jahre. Er starb, als er beim Streichen seines Hauses von einer Leiter fiel.5 Nicht am Herzen.
Bis 1989 waren über 50'000 dieser Klappen implantiert – ohne einen einzigen dokumentierten Fall von strukturellem Materialversagen über 22 Jahre.3
Eine Silikonkugel, kaum grösser als eine Murmel. So begann ein neues Kapitel der Herzchirurgie.
V. Der unsichtbare Ring
Am 30. Mai 2020, während die Welt im Lockdown sass, dockte SpaceX Crew Dragon an der Internationalen Raumstation an. Milliarden sahen zu. Niemand sprach über die Dichtung.
Fünfzehn Jahre Entwicklungsarbeit steckten darin. Am NASA Glenn Research Center hatten Pat Dunlap und Bruce Steinetz das Team geleitet.6 Die Anforderungen: Funktion im Vakuum, extreme Temperaturschwankungen, UV-Beständigkeit. Und nicht zu klebrig – sonst hätte sie den Docking-Mechanismus blockiert. Jeder Ring: in einer einzigen Form gegossen, ohne Nahtstellen, weil jede Verbindung eine Schwachstelle ist.
Das Material: Silikonkautschuk. Ein NASA-Technikbericht beschreibt Silikongummi als die einzige Klasse raumfahrtqualifizierter elastomerer Dichtungsmaterialien, die über den erwarteten Temperaturbereich funktioniert.7
Jedes Mal, wenn ein Raumschiff an der ISS andockt – Crew Dragon, Sojus, Cygnus – hält ein Silikonring die Atemluft der Besatzung vom Vakuum des Weltraums getrennt.6
Weiter draussen: Als der Curiosity-Rover 2012 in die Marsatmosphäre eintrat, erreichte sein Hitzeschild über 2'000 Grad. Die Fugen zwischen den Kacheln waren mit RTV 560 verfugt – einem Silikonkautschuk. Die gleiche Materialklasse, die auf der Erde Badezimmerfliesen dichtet, hielt einen nukleargetriebenen Roboter beim Eintritt in eine fremde Atmosphäre zusammen. Als 2021 der Perseverance-Rover landete, steckte hochreines Silizium von Elkem in den Thermalbatterien des Landesystems – hergestellt in Norwegen, gelandet auf einem anderen Planeten.19
Und Neil Armstrongs Mondstiefel? Silikonsohlen. Der berühmteste Fussabdruck der Menschheitsgeschichte, geprägt von einem Material, das 26 Jahre vorher als «klebrige Masse» abgetan worden war.
VI. 73 Sekunden
Am 28. Januar 1986, einem ungewöhnlich kalten Morgen in Florida, startete die Raumfähre Challenger. 73 Sekunden später zerbrach sie. Sieben Menschen starben.
Die technische Ursache: O-Ringe aus Viton-Fluorkautschuk in den Verbindungsstücken der Feststoffraketen hatten in der Kälte ihre Elastizität verloren.8 Heisse Verbrennungsgase drangen durch die undichte Stelle. Der externe Tank entzündete sich.
Es war nicht nur ein Materialversagen. Es war ein Zusammenspiel aus Joint-Design-Schwächen, bekannten Erosionsproblemen, Managementdruck und der Entscheidung, trotz ausdrücklicher Ingenieurswarnungen bei diesen Temperaturen zu starten. Die Rogers Commission dokumentierte, wie Kälte die Resilienz der O-Ringe stark reduzierte und ihre Rückstellzeit verlängerte.8 9
Was hat diese Geschichte in einem Artikel über Silikon zu suchen?
Die Antwort ist unbequem. Viton ist ein exzellenter Hochtemperatur-Kautschuk. Aber bei Kälte verhärtet er. Silikonkautschuk gehört zu den wenigen Elastomeren, die ihre Flexibilität bis minus 60 Grad behalten – genau die Eigenschaft, die an jenem Januarmorgen fehlte. Ob Silikon unter den spezifischen Bedingungen der SRB-Joints die bessere Wahl gewesen wäre, kann nur eine vollständige Ingenieursanalyse beantworten. Aber die Lektion ist universell.
Temperatur ist ein Materialparameter. Nicht Wetter. Und die Konsequenzen einer falschen Entscheidung können irreversibel sein.
VII. Das Pulverfass
Jetzt wird es geopolitisch.
China kontrolliert über 70 Prozent der globalen Produktion von Silizium-Materialien. Tendenz: fast 80 Prozent.11 Ein erheblicher Teil stammt aus Xinjiang. 2021 erliess die US-Zollbehörde CBP eine Withhold Release Order gegen Silica-basierte Produkte des grössten chinesischen Produzenten – gestützt auf Informationen, die auf Zwangsarbeit hindeuten.12
Europa produziert weniger als acht Prozent des globalen Siliziummetalls. Aber die europäische Industrie – Automobil, Medizintechnik, Elektronik, erneuerbare Energien – ist vollständig abhängig davon. Die EU hat reagiert: Der Critical Raw Materials Act listet «silicon metal» als strategischen Rohstoff.13 Auf gleicher Stufe wie Lithium, Kobalt und Seltene Erden.
Hier wird Europas eigene Produktionsbasis existenziell. Elkem betreibt in Norwegen ein Netz von Siliziumhütten – Fiskaa, Thamshavn, Rana, Salten, Bremanger – die grösstenteils mit der Wasserkraft laufen, die Sam Eyde vor 120 Jahren eingefangen hat.20 Wacker Chemie unterhält dort ebenfalls eine Hütte, die rund ein Viertel des globalen Bedarfs des Unternehmens deckt. Es sind Europas wichtigste Versorgungslinien für den Rohstoff, ohne den keine Silikonproduktion möglich ist.
Die Schweiz als Nicht-EU-Mitglied fällt nicht unter den Schutz des Critical Raw Materials Act. Aber die Schweizer Industrie – Präzisionsinstrumente, Medizintechnik, Uhren, Automotive-Zulieferer – ist genauso abhängig.
Wer glaubt, Silikon sei ein stabiler, langweiliger Rohstoffmarkt, hat die letzten Jahre nicht aufgepasst. Die Siliziummetallpreise explodierten 2021 um rund 300 Prozent. Das kann jederzeit wieder passieren.
VIII. Das Paradox
Hier widerspricht sich die Geschichte. Und genau das macht sie relevant.
Silikone ermöglichen zentrale Bausteine der Energiewende. Ohne sie keine Solarpanels – jedes Modul enthält mehrere Hundert Gramm Silikonverkapslung. Ohne sie keine effizienten Windkraftanlagen, keine Elektroautos, keine LED-Beleuchtung, keine energieeffizienten Gebäudehüllen.
Eine Branchenstudie des Global Silicones Council kommt zum Ergebnis, dass die Treibhausgaseinsparungen durch Silikonprodukte im Einsatz im Mittel 14-mal höher seien als die Emissionen aus Herstellung und Entsorgung.14 Ob die Methodik jeder Prüfung standhält, sei dahingestellt – die Grundlogik ist plausibel.
Aber.
Die globale Silikonproduktion liegt bei rund 3 Millionen Tonnen und wächst um 5 bis 6 Prozent pro Jahr. Was passiert mit ausgehärteten Silikondichtungen nach 20 Jahren? Mit den Vergussmassen aus demontierten Solarmodulen? Mit den Schläuchen aus dem Motorenraum eines verschrotteten Autos?
Deponie. Verbrennung. Silikon ist nicht biologisch abbaubar, es persistiert in der Umwelt, und der Anteil, der chemisch recycelt wird, liegt im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Die Herstellung von Siliziummetall erfordert 2'000 Grad in Lichtbogenöfen – in China überwiegend mit Kohlestrom.
Das Material, das die grüne Wende ermöglicht, kann selbst kaum im Kreis geführt werden.
Europas Antwort kommt aus zwei Richtungen.
Erstens: sauberere Produktion. In Rana, Nordnorwegen, betreibt Elkem an seiner Ferrosilizium-Hütte ein Carbon-Capture-Pilotprojekt – das erste seiner Art in der gesamten Silikonindustrie.21 Die Anlage wird mit Wasserkraft betrieben. Es ist der Versuch, den CO₂-Fussabdruck einer Industrie zu senken, deren Produkte den CO₂-Fussabdruck fast aller anderen Industrien senken.
Zweitens – und das ist die eigentliche Nachricht: Im April 2025 publizierten Forscher der Universität Lyon und des CNRS gemeinsam mit Elkem Silicones ein Verfahren in Science. Eine galliumkatalysierte Depolymerisation, die Silikonabfall aller Art – auch hochvernetzte Produkte wie Backformen – bei nur 40 Grad Celsius in Chlorsilan-Grundbausteine zurückverwandelt.15 16
40 Grad statt 2'000 Grad. 97 Prozent Ausbeute im Labor. Von der Backform zurück zum Monomer.
Die Elkem-Forscherin Aurélie Boulegue-Mondière, Co-Autorin der Studie, arbeitet im R&I-Zentrum «ATRiON» in Saint-Fons bei Lyon.22 Demselben Standort, an dem Rhône-Poulenc 1944 die allerersten Silikonversuche Europas durchgeführt hatte. Die Pilotversuche zur Skalierung laufen bei Activation in Chassieu – ebenfalls Region Lyon.22
Achtzig Jahre nach den ersten europäischen Silikonexperimenten arbeiten Forscher am selben Ort daran, den Kreislauf zu schliessen.
Wenn dieses Verfahren industriell skaliert – und Elkem ist nicht aus akademischem Interesse beteiligt –, dann wäre es der erste realistische Weg zu einer echten Kreislaufwirtschaft für Silikone.
Die wichtigsten Materialien unserer Zeit sind oft die, über die niemand spricht. Nicht weil sie unbedeutend wären. Sondern weil sie ihren Job so gut machen, dass sie unsichtbar werden.
Bis sie fehlen.
Wer mit kritischen Werkstoffen arbeitet, braucht mehr als einen Lieferanten. Er braucht ein Gegenüber, das Materialentscheidungen versteht. SILITECH AG unterstützt Industriekunden in der DACH-Region bei der Auswahl und Versorgung mit Silikonen, Klebstoffen, Dichtstoffen und Schmierstoffen – technisch fundiert, pragmatisch und aus eigenem Lager.
Quellen
- Marktschätzungen variieren je nach Definition und Zeithorizont. Grand View Research beziffert den globalen Silikonmarkt 2025 auf ca. USD 24,3 Mrd., Prognose USD 37,3 Mrd. bis 2033. Andere Analysten (IMARC, Persistence Market Research) nennen leicht abweichende Werte.
- SAE Technical Paper (2024) zu ceramifizierbaren Silikonkautschuk-Composite-Sheets und deren Wirkung auf Thermal-Runaway-Propagation in Batteriepacks.
- Lasker Foundation: «Prosthetic aortic and mitral valves» – Eintrag zu Albert Starr und Lowell Edwards. laskerfoundation.org
- Smithsonian National Museum of American History: Starr-Edwards Heart Valve, Objektbeschreibung. americanhistory.si.edu
- NIH/PMC: «Development of the Starr-Edwards heart valve» (1998). pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- NASA: «Sealed with Care – A Q&A» (Docking-Seals, Pat Dunlap, Bruce Steinetz). nasa.gov
- NASA Glenn Technical Report (2010): Silikonkautschuk als einzige Klasse raumfahrtqualifizierter elastomerer Dichtungsmaterialien über den erwarteten Temperaturbereich. ntrs.nasa.gov
- NASA Rogers Commission Report, Kapitel IV: Temperaturabhängigkeit der O-Ring-Resilienz. nasa.gov
- NASA Rogers Commission Report, Kapitel VI: Design und Material der Solid Rocket Booster Joints. nasa.gov
- USGS Mineral Commodity Summaries – Silicon (2024/2025): Chinas Anteil an globaler Produktion >70 % (2023), «almost 80 %» (2024). pubs.usgs.gov
- U.S. Customs and Border Protection: Withhold Release Order (2021) gegen Silica-basierte Produkte. cbp.gov
- EU Critical Raw Materials Act (2024), Annex I: «silicon metal» als strategischer Rohstoff. eur-lex.europa.eu
- Global Silicones Council (2024): Branchenstudie zu Treibhausgasbilanz von Silikonprodukten im Lebenszyklus.
- Science (2025): Galliumkatalysierte Depolymerisation von Silikonabfällen bei 40 °C. Vũ, Boulegue-Mondière, Durand, Munsch et al. science.org
- CNRS Pressemitteilung (2025): «Universal recycling process». cnrs.fr
- Sam Eyde gründete Elkem am 2. Januar 1904 zusammen mit Knut Tillberg und den schwedischen Bankiers Knut und Marcus Wallenberg. Quellen: Elkem 120-Jahr-Jubiläum (2024); Wikipedia: Sam Eyde.
- Elkem Silicones Unternehmensgeschichte: Erste Silikonversuche bei Rhône-Poulenc in Saint-Fons 1944, RHODORSIL ab 1948. elkem.com
- Elkem 120-Jahr-Jubiläum (2024): Elkem-Silizium in den Thermalbatterien des Perseverance-Rovers. prnewswire.co.uk
- Elkem Silicon Products: Hütten in Fiskaa, Thamshavn, Rana, Salten, Bremanger, Bjølvefossen, Herøya (NO) und Grundartangi (IS). elkem.com
- Elkem: Carbon-Capture-Pilotprojekt Rana, erstes in der Silikonindustrie. elkem.com
- Elkem (2025): Boulegue-Mondière, R&I Centre «ATRiON», Saint-Fons; Pilotversuche Activation, Chassieu. elkem.com
Sie haben Silikon heute Morgen berührt. Mehrfach. In der Dichtung der Kaffeemaschine. Im Shampoo. Vielleicht in den Kontaktlinsen auf Ihren Augen, vielleicht im Schnuller Ihres Kindes.
Sie haben es nicht bemerkt. Niemand bemerkt es.
Silikon hält Flugzeuge in der Luft, Herzschrittmacher am Schlagen, Elektroautos davon ab, in Flammen aufzugehen. Es dichtet die Internationale Raumstation gegen das Vakuum des Weltraums ab. Es hat die moderne Herzchirurgie mitbegründet. Es ermöglicht die Energiewende – und kann selbst kaum recycelt werden.
Der globale Silikonmarkt wird auf 25 bis 33 Milliarden Dollar geschätzt.1 Das klingt nach viel. Zum Vergleich: Der Smartphone-Markt liegt bei 500 Milliarden. Ohne Silikone wären viele dieser Geräte weniger robust, viele medizinische Systeme komplexer, viele Energietechnologien teurer. Ein kleiner Markt, der riesige Systeme am Laufen hält.
Was wäre, wenn dieses Material morgen früh einfach verschwände?
I. 6:30 Uhr
Sie greifen nach dem Telefon. Der Bildschirm ist feucht. Die Silikondichtung, die das Gehäuse gegen Staub und Wasser versiegelt hat – weg. Feuchtigkeit über Nacht eingedrungen. Das Display flackert.
Im Bad tropft es. Die Fugen um Dusche und Waschbecken: verschwunden. Die Kaffeemaschine leckt. Das Shampoo fühlt sich rau an, klebrig. Dimethicon fehlt – das Silikon, dem Ihr Haar seine Geschmeidigkeit verdankt. Sie wussten es nur nicht.
Der Tag hat noch nicht begonnen, und schon zeigt sich das Muster: Silikon sitzt überall dort, wo zwei Materialien aufeinandertreffen und die Verbindung funktionieren muss. Im Stillen. Über Jahre. Ohne dass jemand darüber nachdenkt.
II. Der Weg zur Arbeit
Sie steigen ins Auto. Drehen den Schlüssel. Nichts.
In einem Verbrennungsmotor isolieren Silikonkappen die Zündkerzenstecker gegen 20'000 bis 40'000 Volt. Ohne sie springt der Funke nicht über – oder überall hin. Die Turboladerschläuche, die über 200 Grad standhalten müssen: Silikonkautschuk. Die Abgasaufhänger, Ventilschaftdichtungen, Kabeldurchführungen – alles Silikon.
Aber wirklich ernst wird es bei den Fahrzeugen, auf die Europa seine industrielle Zukunft wettet.
Ein modernes EV-Batteriepack arbeitet mit Spannungen bis 800 Volt. Zwischen den Lithium-Ionen-Zellen und der Kühlplatte sitzt ein wärmeleitfähiges Silikongel, das die Abwärme ableitet. Um das Gehäuse herum liegt eine automatisch aufgetragene Silikondichtung, die über 15 Jahre und Zehntausende Temperaturzyklen hermetisch abdichten muss.
Zwischen den einzelnen Modulen befinden sich Silikonbarrieren für den gefährlichsten denkbaren Moment: das thermische Durchgehen. Eine Zelle heizt sich auf über 800 Grad auf. Bestimmte Silikonkautschuk-Formulierungen tun dann etwas, das kein anderes gängiges Elastomer kann: Sie verbrennen nicht. Sie ceramifizieren – bilden eine keramische Schutzschicht, die den Feuerdurchschlag verzögert. SAE-Studien dokumentieren diesen Effekt für ceramifizierbare Silikon-Composite-Sheets.2
Statt den Brand zu beschleunigen, bremsen sie ihn. Deshalb steckt Silikon heute in praktisch jedem modernen EV-Batteriekonzept an den Stellen, an denen es wirklich zählt.
III. Wasserfälle, Krieg und klebrige Massen
Die Geschichte des Silikons hat nicht einen Ursprung. Sie hat drei. Und alle beginnen mit Menschen, die etwas anderes suchten.
Der Skeptiker. Frederic Stanley Kipping, britischer Chemiker, verbrachte drei Jahrzehnte mit Verbindungen aus Silizium und Kohlenstoff. Was er fand, waren Öle und klebrige Massen, die sich keiner bekannten Kategorie zuordnen liessen. 1937, in seiner letzten Veröffentlichung, schrieb er, die Aussichten seien «alles andere als ermutigend». Er starb, ohne zu erfahren, dass seine klebrigen Massen Kriege entscheiden, Herzen reparieren und Raumstationen abdichten würden.
Der Ingenieur. In Norwegen hatte Sam Eyde dreissig Jahre zuvor den Grundstein für etwas gelegt, das er selbst nie voraussah. In Berlin ausgebildet, hatte Eyde um die Jahrhundertwende Wasserrechte an norwegischen Fällen in Telemark erworben. 1904 gründete er mit der schwedischen Bankiersfamilie Wallenberg das Unternehmen Elkem – mit dem Ziel, Wasserkraft für die elektrochemische Industrie zu nutzen.17 Eydes Vision war Düngemittel. Nicht Silikone. Aber das Unternehmen, das er schuf, würde 120 Jahre später zu einem der grössten Silikonhersteller der Welt gehören.
Der Krieg. 1942 versagten die elektrischen Systeme alliierter Bomber in grossen Flughöhen. Feuchtigkeit an der Zündelektronik, Lichtbögen, Motorenausfall. Herkömmliche Schellack-Isolierungen: nutzlos bei Kälte und Nässe. Dr. Shailer Bass von Dow Corning entwickelte ein Silikonfett für Zündkerzen und Kabelbäume. Ein simples Produkt. Aber es ermöglichte Flüge auf Höhen und über Distanzen, die vorher nicht zuverlässig möglich waren.
Fast gleichzeitig, 1944, begannen Chemiker von Rhône-Poulenc in einem Labor in Saint-Fons bei Lyon ihre eigenen Silikonversuche – unabhängig von den Amerikanern, mit einem Verfahren auf Basis organischer Silikate.18 1948 startete die industrielle Fertigung unter dem Markennamen RHODORSIL. 1970 war Frankreich dank Saint-Fons viertgrösster Silikonproduzent der Welt.18
Drei Stränge, die sich über ein Jahrhundert verweben. Aus Rhône-Poulenc wurde Rhodia, aus Rhodia Bluestar Silicones, und seit 2017 heisst die Silikonsparte Elkem Silicones – wieder vereint mit dem norwegischen Stammhaus, das Sam Eyde 1904 an einem Wasserfall gegründet hatte. Das Werk in Saint-Fons produziert noch heute.
Und dann: Silly Putty. Ein GE-Ingenieur suchte 1943 synthetischen Kautschuk. Was er fand, hüpfte, kopierte Zeitungsdruck und zerbrach bei scharfem Schlag wie Glas. Als Kautschuk: unbrauchbar. Ein Spielzeughändler verpackte es in Plastikeier. 300 Millionen verkaufte Stück. Apollo-8-Astronauten nahmen es 1968 mit in die Mondumlaufbahn, um Werkzeuge in der Schwerelosigkeit zu fixieren.
Vom Kriegsgeheimnis zum Kinderspielzeug zum Weltraum. In 25 Jahren.
IV. Eine Kugel, kaum grösser als eine Murmel
Im September 1960 öffnete der Chirurg Albert Starr in einem Operationssaal der University of Oregon den Brustkorb eines 52-jährigen Mannes. Was er ihm einnähte, hatte es vorher nicht gegeben: eine künstliche Herzklappe.3
Die Idee stammte nicht von einem Mediziner, sondern von Lowell Edwards – einem pensionierten Hydraulikingenieur, der mit einer Skizze in Starrs Büro marschiert war. Ein Metallkäfig mit einer kleinen Kugel darin, die sich mit jedem Herzschlag öffnete und schloss. Der Käfig: Stellite, eine Kobalt-Chrom-Legierung. Die Kugel: Silastic, ein Silikonelastomer von Dow Corning.4
Vor dieser Erfindung konnten Chirurgen bestenfalls versuchen, eine verengte Herzklappe mit dem Finger aufzuweiten – blind, durch einen Schnitt im schlagenden Herzen.
Die Silikonkugel musste mit jedem Herzschlag öffnen und schliessen. 100'000-mal am Tag. 36 Millionen Mal im Jahr. Ohne zu ermüden. Ohne Blut zu schädigen. Ohne vom Körper abgestossen zu werden. Kein anderes damals verfügbares Material bot dieses Gesamtprofil. Metall korrodierte. Kunststoffe waren nicht biokompatibel. Naturkautschuk zersetzte sich.
Der erste Patient lebte zehn Jahre. Er starb, als er beim Streichen seines Hauses von einer Leiter fiel.5 Nicht am Herzen.
Bis 1989 waren über 50'000 dieser Klappen implantiert – ohne einen einzigen dokumentierten Fall von strukturellem Materialversagen über 22 Jahre.3
Eine Silikonkugel, kaum grösser als eine Murmel. So begann ein neues Kapitel der Herzchirurgie.
V. Der unsichtbare Ring
Am 30. Mai 2020, während die Welt im Lockdown sass, dockte SpaceX Crew Dragon an der Internationalen Raumstation an. Milliarden sahen zu. Niemand sprach über die Dichtung.
Fünfzehn Jahre Entwicklungsarbeit steckten darin. Am NASA Glenn Research Center hatten Pat Dunlap und Bruce Steinetz das Team geleitet.6 Die Anforderungen: Funktion im Vakuum, extreme Temperaturschwankungen, UV-Beständigkeit. Und nicht zu klebrig – sonst hätte sie den Docking-Mechanismus blockiert. Jeder Ring: in einer einzigen Form gegossen, ohne Nahtstellen, weil jede Verbindung eine Schwachstelle ist.
Das Material: Silikonkautschuk. Ein NASA-Technikbericht beschreibt Silikongummi als die einzige Klasse raumfahrtqualifizierter elastomerer Dichtungsmaterialien, die über den erwarteten Temperaturbereich funktioniert.7
Jedes Mal, wenn ein Raumschiff an der ISS andockt – Crew Dragon, Sojus, Cygnus – hält ein Silikonring die Atemluft der Besatzung vom Vakuum des Weltraums getrennt.6
Weiter draussen: Als der Curiosity-Rover 2012 in die Marsatmosphäre eintrat, erreichte sein Hitzeschild über 2'000 Grad. Die Fugen zwischen den Kacheln waren mit RTV 560 verfugt – einem Silikonkautschuk. Die gleiche Materialklasse, die auf der Erde Badezimmerfliesen dichtet, hielt einen nukleargetriebenen Roboter beim Eintritt in eine fremde Atmosphäre zusammen. Als 2021 der Perseverance-Rover landete, steckte hochreines Silizium von Elkem in den Thermalbatterien des Landesystems – hergestellt in Norwegen, gelandet auf einem anderen Planeten.19
Und Neil Armstrongs Mondstiefel? Silikonsohlen. Der berühmteste Fussabdruck der Menschheitsgeschichte, geprägt von einem Material, das 26 Jahre vorher als «klebrige Masse» abgetan worden war.
VI. 73 Sekunden
Am 28. Januar 1986, einem ungewöhnlich kalten Morgen in Florida, startete die Raumfähre Challenger. 73 Sekunden später zerbrach sie. Sieben Menschen starben.
Die technische Ursache: O-Ringe aus Viton-Fluorkautschuk in den Verbindungsstücken der Feststoffraketen hatten in der Kälte ihre Elastizität verloren.8 Heisse Verbrennungsgase drangen durch die undichte Stelle. Der externe Tank entzündete sich.
Es war nicht nur ein Materialversagen. Es war ein Zusammenspiel aus Joint-Design-Schwächen, bekannten Erosionsproblemen, Managementdruck und der Entscheidung, trotz ausdrücklicher Ingenieurswarnungen bei diesen Temperaturen zu starten. Die Rogers Commission dokumentierte, wie Kälte die Resilienz der O-Ringe stark reduzierte und ihre Rückstellzeit verlängerte.8 9
Was hat diese Geschichte in einem Artikel über Silikon zu suchen?
Die Antwort ist unbequem. Viton ist ein exzellenter Hochtemperatur-Kautschuk. Aber bei Kälte verhärtet er. Silikonkautschuk gehört zu den wenigen Elastomeren, die ihre Flexibilität bis minus 60 Grad behalten – genau die Eigenschaft, die an jenem Januarmorgen fehlte. Ob Silikon unter den spezifischen Bedingungen der SRB-Joints die bessere Wahl gewesen wäre, kann nur eine vollständige Ingenieursanalyse beantworten. Aber die Lektion ist universell.
Temperatur ist ein Materialparameter. Nicht Wetter. Und die Konsequenzen einer falschen Entscheidung können irreversibel sein.
VII. Das Pulverfass
Jetzt wird es geopolitisch.
China kontrolliert über 70 Prozent der globalen Produktion von Silizium-Materialien. Tendenz: fast 80 Prozent.11 Ein erheblicher Teil stammt aus Xinjiang. 2021 erliess die US-Zollbehörde CBP eine Withhold Release Order gegen Silica-basierte Produkte des grössten chinesischen Produzenten – gestützt auf Informationen, die auf Zwangsarbeit hindeuten.12
Europa produziert weniger als acht Prozent des globalen Siliziummetalls. Aber die europäische Industrie – Automobil, Medizintechnik, Elektronik, erneuerbare Energien – ist vollständig abhängig davon. Die EU hat reagiert: Der Critical Raw Materials Act listet «silicon metal» als strategischen Rohstoff.13 Auf gleicher Stufe wie Lithium, Kobalt und Seltene Erden.
Hier wird Europas eigene Produktionsbasis existenziell. Elkem betreibt in Norwegen ein Netz von Siliziumhütten – Fiskaa, Thamshavn, Rana, Salten, Bremanger – die grösstenteils mit der Wasserkraft laufen, die Sam Eyde vor 120 Jahren eingefangen hat.20 Wacker Chemie unterhält dort ebenfalls eine Hütte, die rund ein Viertel des globalen Bedarfs des Unternehmens deckt. Es sind Europas wichtigste Versorgungslinien für den Rohstoff, ohne den keine Silikonproduktion möglich ist.
Die Schweiz als Nicht-EU-Mitglied fällt nicht unter den Schutz des Critical Raw Materials Act. Aber die Schweizer Industrie – Präzisionsinstrumente, Medizintechnik, Uhren, Automotive-Zulieferer – ist genauso abhängig.
Wer glaubt, Silikon sei ein stabiler, langweiliger Rohstoffmarkt, hat die letzten Jahre nicht aufgepasst. Die Siliziummetallpreise explodierten 2021 um rund 300 Prozent. Das kann jederzeit wieder passieren.
VIII. Das Paradox
Hier widerspricht sich die Geschichte. Und genau das macht sie relevant.
Silikone ermöglichen zentrale Bausteine der Energiewende. Ohne sie keine Solarpanels – jedes Modul enthält mehrere Hundert Gramm Silikonverkapslung. Ohne sie keine effizienten Windkraftanlagen, keine Elektroautos, keine LED-Beleuchtung, keine energieeffizienten Gebäudehüllen.
Eine Branchenstudie des Global Silicones Council kommt zum Ergebnis, dass die Treibhausgaseinsparungen durch Silikonprodukte im Einsatz im Mittel 14-mal höher seien als die Emissionen aus Herstellung und Entsorgung.14 Ob die Methodik jeder Prüfung standhält, sei dahingestellt – die Grundlogik ist plausibel.
Aber.
Die globale Silikonproduktion liegt bei rund 3 Millionen Tonnen und wächst um 5 bis 6 Prozent pro Jahr. Was passiert mit ausgehärteten Silikondichtungen nach 20 Jahren? Mit den Vergussmassen aus demontierten Solarmodulen? Mit den Schläuchen aus dem Motorenraum eines verschrotteten Autos?
Deponie. Verbrennung. Silikon ist nicht biologisch abbaubar, es persistiert in der Umwelt, und der Anteil, der chemisch recycelt wird, liegt im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Die Herstellung von Siliziummetall erfordert 2'000 Grad in Lichtbogenöfen – in China überwiegend mit Kohlestrom.
Das Material, das die grüne Wende ermöglicht, kann selbst kaum im Kreis geführt werden.
Europas Antwort kommt aus zwei Richtungen.
Erstens: sauberere Produktion. In Rana, Nordnorwegen, betreibt Elkem an seiner Ferrosilizium-Hütte ein Carbon-Capture-Pilotprojekt – das erste seiner Art in der gesamten Silikonindustrie.21 Die Anlage wird mit Wasserkraft betrieben. Es ist der Versuch, den CO₂-Fussabdruck einer Industrie zu senken, deren Produkte den CO₂-Fussabdruck fast aller anderen Industrien senken.
Zweitens – und das ist die eigentliche Nachricht: Im April 2025 publizierten Forscher der Universität Lyon und des CNRS gemeinsam mit Elkem Silicones ein Verfahren in Science. Eine galliumkatalysierte Depolymerisation, die Silikonabfall aller Art – auch hochvernetzte Produkte wie Backformen – bei nur 40 Grad Celsius in Chlorsilan-Grundbausteine zurückverwandelt.15 16
40 Grad statt 2'000 Grad. 97 Prozent Ausbeute im Labor. Von der Backform zurück zum Monomer.
Die Elkem-Forscherin Aurélie Boulegue-Mondière, Co-Autorin der Studie, arbeitet im R&I-Zentrum «ATRiON» in Saint-Fons bei Lyon.22 Demselben Standort, an dem Rhône-Poulenc 1944 die allerersten Silikonversuche Europas durchgeführt hatte. Die Pilotversuche zur Skalierung laufen bei Activation in Chassieu – ebenfalls Region Lyon.22
Achtzig Jahre nach den ersten europäischen Silikonexperimenten arbeiten Forscher am selben Ort daran, den Kreislauf zu schliessen.
Wenn dieses Verfahren industriell skaliert – und Elkem ist nicht aus akademischem Interesse beteiligt –, dann wäre es der erste realistische Weg zu einer echten Kreislaufwirtschaft für Silikone.
Die wichtigsten Materialien unserer Zeit sind oft die, über die niemand spricht. Nicht weil sie unbedeutend wären. Sondern weil sie ihren Job so gut machen, dass sie unsichtbar werden.
Bis sie fehlen.
Wer mit kritischen Werkstoffen arbeitet, braucht mehr als einen Lieferanten. Er braucht ein Gegenüber, das Materialentscheidungen versteht. SILITECH AG unterstützt Industriekunden in der DACH-Region bei der Auswahl und Versorgung mit Silikonen, Klebstoffen, Dichtstoffen und Schmierstoffen – technisch fundiert, pragmatisch und aus eigenem Lager.
Quellen
- Marktschätzungen variieren je nach Definition und Zeithorizont. Grand View Research beziffert den globalen Silikonmarkt 2025 auf ca. USD 24,3 Mrd., Prognose USD 37,3 Mrd. bis 2033. Andere Analysten (IMARC, Persistence Market Research) nennen leicht abweichende Werte.
- SAE Technical Paper (2024) zu ceramifizierbaren Silikonkautschuk-Composite-Sheets und deren Wirkung auf Thermal-Runaway-Propagation in Batteriepacks.
- Lasker Foundation: «Prosthetic aortic and mitral valves» – Eintrag zu Albert Starr und Lowell Edwards. laskerfoundation.org
- Smithsonian National Museum of American History: Starr-Edwards Heart Valve, Objektbeschreibung. americanhistory.si.edu
- NIH/PMC: «Development of the Starr-Edwards heart valve» (1998). pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- NASA: «Sealed with Care – A Q&A» (Docking-Seals, Pat Dunlap, Bruce Steinetz). nasa.gov
- NASA Glenn Technical Report (2010): Silikonkautschuk als einzige Klasse raumfahrtqualifizierter elastomerer Dichtungsmaterialien über den erwarteten Temperaturbereich. ntrs.nasa.gov
- NASA Rogers Commission Report, Kapitel IV: Temperaturabhängigkeit der O-Ring-Resilienz. nasa.gov
- NASA Rogers Commission Report, Kapitel VI: Design und Material der Solid Rocket Booster Joints. nasa.gov
- USGS Mineral Commodity Summaries – Silicon (2024/2025): Chinas Anteil an globaler Produktion >70 % (2023), «almost 80 %» (2024). pubs.usgs.gov
- U.S. Customs and Border Protection: Withhold Release Order (2021) gegen Silica-basierte Produkte. cbp.gov
- EU Critical Raw Materials Act (2024), Annex I: «silicon metal» als strategischer Rohstoff. eur-lex.europa.eu
- Global Silicones Council (2024): Branchenstudie zu Treibhausgasbilanz von Silikonprodukten im Lebenszyklus.
- Science (2025): Galliumkatalysierte Depolymerisation von Silikonabfällen bei 40 °C. Vũ, Boulegue-Mondière, Durand, Munsch et al. science.org
- CNRS Pressemitteilung (2025): «Universal recycling process». cnrs.fr
- Sam Eyde gründete Elkem am 2. Januar 1904 zusammen mit Knut Tillberg und den schwedischen Bankiers Knut und Marcus Wallenberg. Quellen: Elkem 120-Jahr-Jubiläum (2024); Wikipedia: Sam Eyde.
- Elkem Silicones Unternehmensgeschichte: Erste Silikonversuche bei Rhône-Poulenc in Saint-Fons 1944, RHODORSIL ab 1948. elkem.com
- Elkem 120-Jahr-Jubiläum (2024): Elkem-Silizium in den Thermalbatterien des Perseverance-Rovers. prnewswire.co.uk
- Elkem Silicon Products: Hütten in Fiskaa, Thamshavn, Rana, Salten, Bremanger, Bjølvefossen, Herøya (NO) und Grundartangi (IS). elkem.com
- Elkem: Carbon-Capture-Pilotprojekt Rana, erstes in der Silikonindustrie. elkem.com
- Elkem (2025): Boulegue-Mondière, R&I Centre «ATRiON», Saint-Fons; Pilotversuche Activation, Chassieu. elkem.com
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